UNSERE HISTORIE


Halensee

Der Luna-Park wurde 1904 eröffnet

(Quelle: www.wikipedia.de)

Stoßstange an Stoßstange stehen die Autos auf der Halenseestraße im Stau. Doch wer glaubt, das Verkehrsaufkommen in Halenseee sei ein Ausdruck des 21. Jahrhunderts, irrt. Denn gerade hier, am westlichen Ende des Kurfürstendamms, drängten sich schon vor über 100 Jahren unternehmungslustige Berliner in Scharen. Seit 1909 zog der Luna-Park, der größte Vergnügungspark Europas, bis zu 50.000, später 60.000 Besucher nach Halensee. Täglich! Ein kleiner Ausflug in die bewegte und überaus faszinierende Geschichte einer der jüngsten Ortsteile Berlins.

Noch 1892 hatte Kommerzienrat Treibel in Theodor Fontanes Roman „Frau Jenny Treibel“ das Gebiet um den Halensee (früher „Hohler See“) abfällig „ein von Spargelbeeten und Eisenbahndämmen durchsetztes Wüstenpanorama“ geschmäht. Dabei waren die Berliner seit 1870 dabei, aus der bis zum 19. Jahrhundert unbewohnten Region eine begehrte Villenkolonie und Bürgerhaussiedlung zu machen.

Holzstich von Akermark: Bahnhof Halensee um 1890

(Quelle: www.khd-research.net)

Dass der Stadtteil dann tatsächlich innerhalb weniger Jahre zu einem bevorzugten Wohngebiet in erstklassiger Lage avancieren konnte, wurde u.a. durch zwei Faktoren begünstigt: der Eröffnung des Bahnhofs Berlin-Grunewald 1877 (1884 in Bahnhof Halensee umbenannt und zehn Jahre später an die heutige Stelle verlegt und ausgebaut. Kurz vor der Maueröffnung wurden Überlegungen angestellt, den Bahnhof Halensee zu überbauen. Der Halenseegraben hätte mit einer Art „Deckel“ versehen werden sollen, um weiteren Platz für Wohnungen entstehen zu lassen. Das Projekt, mit 1,5 Milliarden DM veranschlagt, wurde nach der Wende wieder fallen gelassen. ) und dem 1883 begonnenen Ausbau des Kurfürstendamms zum Prachtboulevard.

Jahrhunderte waren die kurfürstlichen Reiter auf diesem Verbindungsweg (auf Landkarten seit 1685 verzeichnet) durch den Tiergarten zum 1542 erbauten Jagdschloss Grunewald geritten – nun verlief plötzlich ab 1890 die Dampfstraßenbahnlinie neben dem Reitweg, den Reichskanzler Fürst Otto von Bismarck in der Mitte des 53 Meter breiten Kurfürstendamms hatte anlegen lassen. Persönlich soll er sich überzeugt haben, ob das neue Verkehrsmittel auch pferdefreundlich leise sei.

Der Henriettenplatz wurde 1892 nach Luise Henriette von Oranien (1627-67) benannt.
Sie war Kurfürstin von Brandenburg und die erste Ehefrau des Großen Kurfürsten

(Quelle: www.stadtbild-deutschland.org)

Für Literaten, Künstler, russische Emigranten, Beamte und pensionierte Militärs war der Stadtteil Halensee (1880 nach dem gleichnamigen See benannt) gleichermaßen faszinierend. Wie andere Berliner auch werden sie im Wirtshaus Halensee, einem beliebten Ausflugslokal, gespeist und getrunken haben, das 1882 von dem Ökonomen Paul Saeger eröffnet wurde. Theodor Fontane erwähnt das große Gartenlokal in dem bereits erwähnten Roman „Frau Jenny Treibel“.

1904 präsentierte der berühmte Berliner Gastronom August Aschinger, gemeinsam mit dem früheren Kempinsky-Küchenchef, Bernhard Hoffmann, seinen staunenden Gästen die Terrassen am Halensee. Aus diesem Prunkbau mit Restaurants, Bars und Cafes entwickelte sich fünf Jahre später der Luna-Park, der zum größten Vergnügungspark Europas wurde. 1909 eröffnet, zählte der Luna-Park bereits 1910 den Eine-Millionsten Besucher.

Bis zu 60.000 Besucher kamen täglich in Europas größten Vergnügungspark nach Halensee

(Quelle: www.stadtbild-deutschland.org und www.wikipedia.de)

Der Park, entstanden nach dem Vorbild von Coney Island in New York, war nicht nur in gewaltigen Dimensionen (Restaurants mit 16.000 Sitzplätzen) angelegt, sondern sollte alle nur denkbaren Attraktionen bieten: So die größte Wasserrutsche der Welt, ein Wellenbad mit meterhohen Wellen, eine Berg- und Talbahn, eine Freitreppe in den Halensee, Konzerte, Theater, Schönheitswettbewerbe, Boxkämpfe, ein Hippodrom, Völkerschauen, Revuen, Kabarett, Kinder-Kasperle und vieles mehr.

Seinen ersten Titel holte der junge Boxer, Max-Schmeling, 1926 im Luna-Park, und Billy Wilder soll die „Wackeltreppe“, an deren Ende ein Gebläse die Röcke der Damen hob, als Anregung für seine Filme genutzt haben. Der spätere Filmregisseur und Filmproduzent arbeitete zu diesem Zeitpunkt im Edenthal am Kurfürstendamm als Eintänzer.

Neben dem Luna-Park boten weitere Gaststätten hinter der Halenseebrücke den Berlinern Unterhaltung jedweder Art. So konnten sich die Gäste im 1892 eröffneten Kurfürstenpark und im Kaiser-Wilhelm-Garten in Tanzsälen oder Konzertgärten erfreuen, kegeln und natürlich speisen. Es gab die aufregenden 24-Stunden-Radrennen auf der Radrennbahn in Halensee und in den Jahren 1891-1899 eine Radrennbahn am Ku-Damm 101-111. Das Velodrom war für bis zu 15.000 Zuschauer ausgelegt. Einige Hausnummern weiter, 153-156, zogen zu Beginn des 20. Jahrhunderts so genannte Flottenspiele (Wasserzirkus), bis zu 4000 Gäste in ihren Bann. Die hier außerdem Tennisspielen und im Winter auf einer Eisbahn Schlittschuh laufen konnten.

Das legendäre 24-Stunden Radrennen in Halensee.

(Quelle: www.cycling4fans.de)

In unmittelbarer Nähe befand sich das KadeKo (Kabarett der Komik), das zu den berühmtesten Kabaretts des 20. Jahrhunderts zählte. Mit dem gegenüberliegenden Universum Kino begeisterte diese Anlage besonders Architekturkritiker in den 20er Jahren. Das Universum war eines der 342 Berliner Kinos mit insgesamt 150.000 Plätzen, unterschied sich aber in einem Punkt von den übrigen Sälen: Es war eines der ersten Kinogebäude, das nicht mehr wie ein traditionelles Theaterhaus aussah, sondern in seiner Aufmachung dem neuen Medien Film gerecht wurde.

In der Markgraf-Albrecht-Straße 11-12, die wie die meisten Seitenstraßen des Kurfürstendamms in Halensee nach einem brandenburgischen Kurfürsten benannt wurde, findet sich heute eine Gedenktafel. In der Reichsprogromnacht zum 10. November 1938 brannte die große Berliner Vereinssynagoge „Friedenstempel“ für jüdische Gläubige ab. Gestiftet hatte sie der Besitzer des Luna-Parks, Prof. Dr. jur. Salomon Goldberg.

Kurfürstendamm 123/Ecke Bornimer Straße zu Beginn des 20. Jahrhunderts

(Quelle: www.stadtbild-deutschland.org)

Auch in der Nestorstraße klärt eine Gedenktafel über einen prominenten Bewohner auf. Vladimir Nabukov lebte bis von 1922 bis 1937 in der Hausnummer 22. Wie viele andere russische Emigranten in Berlin flüchtete der Schriftsteller und Literaturkritiker vor den Nationalsozialisten aus Deutschland. Eine weitere Gedenktafel ehrt am Ku-Damm 141 den Studentenführer Rudi Dutschke, auf den am 11. April 1968 ein Attentat verübt wurde.

Und um den Bogen zum Ausgang unseres kleinen Rundgangs – zum Halensee – zu ziehen, auch noch dieser Verweis auf eine Gedenktafel: 1997 wurde der Halenseepark in den Friedenthalpark (nach dem preußischen Politiker und Unternehmer Karl Rudolf Friedenthal) umbenannt. Joseph Pertl hatte 1938 den Landschaftspark im nordöstlichen Teil des ehemaligen Luna-Park-Areals gestaltet.

Kurz nach dieser letzten Luftaufnahme vom Luna-Park im April 1935
begannen die Abrissarbeiten.

(Quelle: Bundesarchiv 146-1993-069-16)

Der Luna-Park wurde im April 1935 abgerissen und quer über das Gelände die Halenseestraße gebaut. Die Nationalsozialisten brauchten für die Olympischen Spiele 1936 die Straßenführung zum Kurfürstendamm. Während des zweiten Weltkriegs wurde der Stadtteil Halensee stark beschädigt, später viele Neubauten (Sozialer Wohnungsbau) errichtet.

Übrigens bauten schon in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts viele Automobilbetriebe (wie zum Beispiel Rometsch, Erdmann & Rossi etc.) in Halensee Karosserien. Darüber hinaus wurde der weltweit erste Oberleitungsbus in der Villen- und Bürgerhaussiedlung Halensee vorgeführt. Werner Siemens stellte im April 1882 sein Elektromote, die elektrisch angetriebene Wagonette, vor.

Zwei Monate lang wurde das weltweit erste Elektromote in Halensee getestet.

(Quelle:www.berliner-verkehrsseiten.de)